FALLENSTELLER

Zu den Bildern von Mick Starke

 

 

„Bitte verstehen Sie mich nicht zu schnell“

André Gide

 

 

Man kann Mick Starke gewiss als einen gründlichen Menschen bezeichnen. Kaum eine Kunst braucht einen so langen und überlegten Entstehungsprozess wie seine. Dabei ist ihr Erscheinungsbild, ihr erster Anblick gewissermaßen, ein anderer. Mick Starkes Bilder sind unspektakulär, fast unscheinbar kommen sie auf leisen Schritten daher. Man kann folglich Mick Starke als einen zurückhaltenden Menschen und Künstler sehen, als jemanden, der sich André Gides oben zitierte Formel zueigen gemacht hat. Und es ist gerade diese Zurückhaltung, das „zwischen den Zeilen Stehen“ seiner Kunst, die ihre adäquate Interpretation so schwierig macht.

 

Die Fakten sind schnell benannt. Mick Starke orientiert sich an der sichtbaren Welt und dabei wiederum an einem recht klar definierten Motivfundus. Es handelt sich bei seinen Gemälden zum weitaus grössten Teil um Architekturen, die ihn zu seinen eigenen Bildern anregen. Hierbei wiederum wird ein breites Spektrum abgedeckt. Wir finden Interieurs, vorwiegend sakraler Provenienz, Architekturdetails, Gebäude in der Landschaft, von oben gesehen, also als Dächerensemble, es gibt in seinem Werk aber auch längere, horizontale Bild-Bänder, die rhythmisch Architekturzitate wiedergeben. Im Gegensatz dazu stehen panoramahaft aufgefächerte Ensembles, die vedutenhaften Charakter annehmen. Diese Architekturen bilden generell das Gerüst, das die Bilder trägt, ihnen eine Ordnung gibt, wie Architektur gebaute Ordnung per definitionem ist. Es läge nahe und man geht wohl nicht fehl, diese vorgegebenen Ordnungssysteme als Auslöser des bildnerischen Prozesses zu sehen.

Mick Starke geht sehr umsichtig und geduldig vor. Aus einem grossen Arsenal von gesehenen, gefundenen, nicht erfundenen (!) Szenarien werden eventuell geeignete Motive nach ihrem bildnerischen Potential überprüft. Dieser Prozess des Auswählens, der sich dann in einem weiteren Stadium auf den geeigneten Bildausschnitt konzentriert, kann von längerer Dauer sein. Letztlich wird die Bildtopographie in ihren wesentlichen Kompositionselementen festgelegt.

 

Mick Starke lässt „die Falle zuschnappen“, das Motiv ist „eingefangen“, es wird sich von seinen gegenständlichen, kompositionellen und farbigen Anteilen her nicht mehr grundlegend verändern. Nun beginnt er mit der Übertragung des Motivs auf den Bildträger und mit dem Prozess der Umsetzung. Sie findet im Bereich der Farbe statt. Hier erlaubt der Maler sich grössere Freiheiten, hier wird sogar sehr frei operiert.

 

Es finden also auf zwei zentralen Gebieten wesentliche künstlerische Eingriffe statt: in der Wahl des Motivs, beziehungsweise des gewählten Auschnittes sowie in der farblichen Umsetzung dieses Motivs.

Dieses Vorgehen ist aber nur eingeschränkt gültig bei den weitgehend freien oder zumindest semi-abstrakten Bildern, die eine zweite Werkgruppe ausmachen. Hinsichtlich einzelner Vorlagen lassen sich aber grössere Veränderungen registrieren, da sich – trotz der möglichst genau entwickelten Vorstellungen - beim Malprozess unerwartete Wirkungen ergeben, die im Sinne einer genauen Umsetzung nicht immer voraussehbar und planbar sind.

So wurde die Linienführung der fotografischen Studie, die der „Bayeux-Cathedral“ zugrunde liegt, in Skizzen durchgehend überarbeitet, um die Verzerrungen der Fotolinse zu entfernen. In der Endfassung ist so eine Idealfassung des Innenraumes zustande gekommen, die weder der Kamera noch dem menschlichen Auge so umfassend möglich wäre.

Ungehindert kann der Blick an den Vierungspfeilern entlang über die Obergaden auf den Kreuzrippengewölben der einzelnen Joche entlangwandern. Alles ist gleich präzise, gleich präsent, wie die Zentralperspektive in der Renaissance es gefordert hat, um durch optische Klarheit eine geistige Klarheit zu verbildlichen. Trotz der extremen Tiefe, die dem Motiv innewohnt, wirkt das Bild wie eine ornamental durchmusterte Fläche. Das Ornamentale ist eine unterschwellig stets vorhandene Komponente in Mick Starkes Werk.

 

Dem in klassischen Proportionen aufgebauten Hochrechteck von „Bayeux-Cathedral“ (185x120cm) diametral entgegengesetzt ist eine Reihe von sehr schmalen, langgezogenen Querformaten. Bei „ Avenue des Champs-Elysées“ (65x185cm) handelt es sich um eine atmosphärisch dichte Panoramasicht, die entgegen der Erwartung nicht die grossartige Tiefenperspektive vom Obelisken der Place de la Concorde über den Arc de Triomphe bis hin zum gigantischen Bogen von La Défense und den begleitenden Hochhäusern an zentraler Stelle thematisiert, sondern im Gegenteil die Szenerie extrem in die Breite zieht. Paris scheint in eine Abfolge von Gebirgsformationen verwandelt, die moderne Grossstadtarchitektur des Hintergrundes nur als Fata Morgana erahnbar.

Ganz anders aufgefasst ist der Blick über die „Karlsbrücke, Prag“. In leichter Untersicht gesehen, tauchen, wiederum in ein sehr atmosphärisch dichtes Farbambiente gehüllt, die steinernen Brückenfiguren als unkenntliche, verfremdet dunkle und rhythmisch gegliederte Zäsuren auf.

 

Zwei Bilder im extremen Querformat „San Giorgio Maggiore“ (35 x 210cm) und

„Bar Restaurant de la Poste“ (26 x 185cm) nehmen die Rhythmik von „Karlsbrücke“ vorweg. Auf eine Bildebene gerückt, läuft bei „San Giorgio Maggiore“, in zeitlicher Abfolge analog zu einer musikalischen Partitur, ein mehrschichtiger Dialog zwischen unterschiedlichen Formen ab, wobei Campanile und Säule wie Taktstriche wirken.

Noch entschiedener in der flächigen und Hell-Dunkelkonzentration wirkt „Bar Restaurant de la Poste“. Hier wird in einer sehr sorgfältig ausgetüftelten Ponderation zwischen „betonten“ Mansardenfenstern und „unbetonten“ Zwischenräumen unterschieden, wobei das geöffnete Fenster ganz rechts einen markanten Schlussakkord setzt. Auch hier spürt man Mick Starkes tiefe Beziehung zur Musik, die neben der Architektur, er absolvierte ein Studium der Architektur, wohl eine zentrale Stelle in seinem Leben einnimmt.

 

Bei „Karlsbrücke“ kommt als weiteres Element noch das Spiel mit der Bildtiefe hinzu. Um im musikalischen Bild zu bleiben: Von links nach rechts gelesen wird - bildeinwärts führend - die Dynamik schwächer beziehungsweise leiser, um dann aus dem Bild führend wieder anzuschwellen.

Man kann, um einen Terminus Wilhelm Worringers zu gebrauchen, bei Mick Starke von „Abstraktion und Einfühlung“ sprechen, wobei je nach Werkgruppe einer der beiden Pole stärker betont wird.

Bilder wie „Biblioteca Marciana “, „Opatija“, „Santiago“ oder auch „Hué“ tendieren zum zweiten Typ, der sich durch eine sensibel einfühlende Betrachtungsweise auszeichnet.

 

Sogar im Motiv einer von fahrenden Autos belebten Grossstadt („Feb 25th, 2000“)

– welcher Maler hat sich bisher an dieses Thema schon gewagt? – wird einfühlsam abstrahiert. Die Fassaden der Bürogebäude im Hintergrund sind aufgelöst in eine freie Abfolge von Farbrechtecken.

 

Es findet sich im Gesamtwerk eine umfangreiche Reihe von Bildern, denen ebenfalls klar zu bestimmende Topographien zugrunde liegen, die aber von stärkeren Abstraktionstendenzen gekennzeichnet sind.

 

„Dächer von Trouville II“ zeigt ein ausgeprägtes Spannungsverhältnis zwischen der relativen Kleinteiligkeit der Architektur und den grossen Farbflächen, die sie hinterfangen und zum Teil mit ihnen eins werden.

In der Rhythmik der „Dächer von Trouville I“ werden schmale und breitere Rechtecke nahezu abstrakt leichthändig neben- und übereinander gesetzt. Die vielen Vertikalen dominieren, haben aber einen beruhigten Gegenpol durch die grossen horizontalen Flächen von „Himmel“ und „Meer“, frei umgesetzt in lichte Grün- und Gelbtöne. Gerade dieses Bild zeigt Mick Starkes Affinität zu musikalischen Harmonien.

 

Im Bild „Pescheria“, das einen Blick in die Fischhalle Venedigs unweit der Rialtobrücke zeigt, ist die Abstraktion, das heisst die freie Umsetzung und Verkürzung, weniger in der formalen Anlage, als vielmehr im sehr freien Gebrauch der Farbe zu sehen. „Pescheria“ baut auf einem kraftvollen Komplementärkontrast auf, zwischen Smaragdgrün, das überall im Bild aufscheint und dem Rot-Orange der Vorhänge. Hinzu kommen intensive Blautöne im Mittelgrund. Hier ist das ursprüngliche Motiv nur noch Vorwand für ein fast schwelgerisches Verströmen der Farbe.

Ähnliches ist bei „Palma Cathedral“ zu konstatieren. Hier bleiben einige wenige Gegenstandskürzel, überstrahlt von der alles dominierenden Farbigkeit.

 

Mick Starke scheint es wichtig zu sein, gerade eben noch die Balance halten zu können zwischen einer emotionalen Farbgebung, die sehr nach Dominanz verlangt und einer strengen und präzisen (architektonischen) Form, die die Sinnlichkeit der Farbe bändigt.

 

Ohne die Interpretation zu überfordern, wäre zu überlegen, ob nicht ein spirituelles Movens vor allem bei diesen sakralen Interieurs, aber vielleicht auch bei den Figurenbildern zum Auslöser für Bildgestaltungen wurde.

 

Ein belangloses Detail auf einem stillgelegten Bahnhof in Südeuropa, nämlich der Blick unter einen Waggon hindurch auf wucherndes Unkraut, wird in der bildnerischen Umsetzung zu einem strengen Spiel zwischen den organischen Rundungen der Pflanzen und den Geraden der Gestänge, zwischen Hell und Dunkel , Farbe und Schatten („Canfranc“).

Einen höheren Grad der Abstraktion, der im Bild aber noch ein Raumkontinuum feststellen lässt, in das ornamentgleich zarte Arabesken verwoben sind, findet sich in „Deep Dream“ und „Red Mirror“. Von hier aus ist es nur noch ein kleinerer formaler Schritt zu rein abstrakten Arbeiten wie „O.T.“ Bei ihnen wird die vielfach mäandrierende Ornamentalität von Mick Starkes Liniengeflechten besonders deutlich.

 

Sicherlich unterscheidet die Affinität zur Architektur und ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen als Haus, Kirche, Brücke, Straße oder Stadt Mick Starke von vielen zeitgenössischen Künstlern. Vor allem auch deshalb, weil er nicht nur das Motiv glaubwürdig in die Malerei überführen kann, sondern weil er Elemente der Architektur, wie Tektonik, Balance, Tragen und Lasten, Entwicklung im Raum, Perspektive etc. auf die Komposition, Farbigkeit und vieles andere, was zu einem ausgewogenen Bild dazu gehört, nicht nur beherrscht, sondern wie selbstverständlich umsetzt.

 

Er nimmt immer wieder und ganz bewusst verschiedene Standpunkte ein. Vogelperspektive, Untersicht, unmittelbarer Blick nach oben, Seitenansicht, dies alles zeigt, dass der Maler sich nicht an Grundriss und Aufriss halten muss, um verständlich zu sein, sondern seinen ganz persönlichen Blickwinkel einsetzen kann – sogar muss.

Mick Starkes Bilder sind perfekt ausbalanciert, man schaue sich nur die Verteilung der Formen in „O.T“ an. Auch hier ist es der Mut des Künstlers, der bewusst schlichte, fast „altmodisch“ zu nennende Motive wählt, um gerade ihnen einen ganz persönlichen Ausdruck zu verleihen. Individualität kann eben auch der Mut zum Unspektakulären sein. Beispielhaft ist dies formuliert in der fast schwebend anmutende Ruhe der Boote mit ihren Spiegelungen. Eine Komposition, also eine Zusammenstellung von Gegenständen im Bild, die veränderbar scheint, so und nicht anders sein muss.

 

Mick Starkes Bilder haben enorme koloristische Qualitäten, häufig verbunden mit einer ganz eigenen, nur angedeuteten ornamentalen Linearität . Aber es braucht eben den Blick des Fallenstellers, der das passende Motiv findet.

 

Man muss Mick Starke als einen glücklichen Künstler bezeichnen.

 

 

Dr. Peter Dering, Brüssel, 2011